Tradition vs. Fortschritt – Zwickmühle der indigenen Kunas

Kein Weg zurück – Sobald der Charterboot-Tourismus und einhergehender Fortschritt die Insel erreicht, verändert sich das Leben der indigenen Kunabevölkerung schlagartig.

Vorbei ists mit idyllischer Stille, dem bloßen Geräusch vom Kinderlachen und sanft durchs Wasser gleitenden Einbaum Cayucos. Im Paradies der San Blas Inseln tönt der Lärm von Außenbordmotoren an modernen Glasfaserrümpfen und Müllhalden bilden sich an den Inselufern. Traditionelle Mola – Kleider werden von amerikanischen Klamotten, Baseball-Caps und Flippy Floppys ersetzt. Alles dreht sich ums Geld – es wird verkauft, gehandelt und gebettelt. Die Plastickverpackungen von Importproduktes bestücken die Regale der Supermaerkte bevor sie später  im Wasser landen. Ein Unterschied zu den biologisch abbaubaren Essensresten und Fäkalabfällen wird nicht erkannt. Die für das Betreten der Inseln erhobene Gebühr wird von den korrupten Oberseilern des Kuna Yala in Panama City verprasst. Was ist nur los mit dieser Welt?

 

Massive Überbevölkerung der Inseln, berfischung der Gewässer und das Streben nach dem Komfort des westlichen Lifestyles drängen das indigene Volk zum Wandel. Die Kunas stecken in der Zwickmühle. Es ist nicht möglich mit ein paar kleinen Fischchen seine Familie zu ernähren. Selbst die Erklärungen von Nestor, dass ein kleiner Fisch ja viel mehr Energie hätte, weil er jünger ist als seine alten, trägen Artgenossen, rüttelt nicht an den Fakten. Wo früher dicke Tunfische in die cayucos gezogen wurden vernichten heute Schleppnetzfischerboote der moderneren Kunainseln die Bestände. Mangrovendickichte die einst die Inseln umringten, wurden zur Feuerholzgewinnung komplett abgeholzt. Zum kochen besteht heute die Abhaengigkeit von Propangas aus Panama. Für die Dörfer auf dem Festland ist es günstiger und einfacher, Lebensmittel (z.B. Reis, Mehl) aus dem westlichen Panama einzukaufen als selbst zu produzieren. Kindergelder und Unterstützungsmaßnahmen, der Panamenischen Regierung veranlassen Kuna Familien viele Kinder (den religiösen Idealvorstellungen nach 11) zu zeugen. Es ist eine Absicherung, die weiter zur Überbevölkerung des spährlichen Wohnraums beiträgt.

Für ein paar Dollar am Tag arbeiten einige Kunas auf Segelbooten um ihre Familien zu unterstützen und die Kinder später zum Studieren nach Panama City schicken zu können. Andere widerum versuchen es in der Kuna-Lotterie, dem tauchen nach verloren gegangenen Drogenpaketen, oder der illegalen Rodung des edlen Cocobolo Wurzelholzes. Junge Kunas, die ihre grosse Chance im dreckigen Geschaeft des Drogentransports wittern, spielen mit ihrem Leben. Drei Tage lang wurde der als vermisst gemeldete, 26 jährige Kunajunge gesucht, bis man seine zerstückelten Überreste gefunden hat.

Auch wenn der Fortschritt durchaus positive Neuerungen gebracht hat, wie die Stromversorgung mit Solarpanelen und der größtenteils von Panama finanzierte Bau von Schulen, gibt es Kunas, die auf Krampf versuchen an ihren alten Traditionen festzuhalten. So lebt auf Ailitupu ein älterer Herr, der auf den umliegenden Inseln als “Diktator” bekannt ist. Obwohl er keinerlei Amt (wie 1. Seiler, 2. Seiler) inne hat, übt er im täglichen “Congresso” seiner Insel eine Menge macht aus. Für lange Zeit war er der Einzige, der ein paar Worte Englisch sprach und konnte so mit ankommenden Seglern kommunizieren. Dies verschafft ihm den nötigen Respekt um Verbote aufzustellen.

Auf seiner Insel solle es keine westliche Schule und schon garkeine Kirche geben. Es werden nur traditionelle Kunahäuser aus Holz, Lianen und Palmenblättern gebaut, bis sein eigener Sohn ein neumodisches Haus mit Zement und Blech bauen wollte. Nach und nach verliert der Diktator sein Ansehen und die Inselbewohner lassen sich nicht mehr unterdrücken. Jetzt gibt es eine Schule und die Kirche befindet sich im Bau.

Trotzalledem ist es Kunas immernoch untersagt ohne spezielle Genehmigung des Seilers das Kuna Yala zu verlassen. Strenge Grenzkontrollen zum westlichen Panama lassen das indigene Territorium wie ein Gefängnis erscheinen.

Unsere erste Begegnung mit dem Diktator verlief wie folgt: “Verkaufen Sie Bier in Ihrem Geschäft?”, fragt Luigi. “No!! Cerveza es prohibido!”, entgegnet der Diktator aus seinem Kaufmannsladen. “Wo können wir hier auf der Insel ein Bier trinken?”, lautet die nächste Frage. “No no no! Cerveza es prohibido en toda la isla! 50$ multa!” antwortet er mit zunehmender Gereiztheit. Wir schlendern weiter durchs Dorf.

Weil Bier das ganze Jahr über strickt verboten ist und nur zu den besonderen “Chicha Festivals” konsumiert werden darf, hat sich ein Shop darauf spezialisiert das begehrte Getränk unter der Ladentheke zu verscherbeln. Man kommt sich vor wie in Zeiten des “Speakeasy” wenn man flüsternder Weise in ein Hinterzimmer gelotst wird.

20170627_172034
Besäufnis zum einjaehrigen Chicha Festival

Auf dem Rückweg mit ein paar Dosen im Beutel, begegnen wir dem Diktator. “Was habt ihr da im Beutel?? Mach den Beutel auf!”, fährt er uns an. “Let´s go” flüstert Luigi und wir lassen den irritierten Mann hinter uns stehen.

Nichtsdestotrotz ist vor allem auf den “nicht vom Massentourismus befallenen” Kuna Inseln ein Großteil der Kultur erhalten geblieben und es ist wahnsinnig interessant zu sehen, wie diese Menschen ihren Lebensbereich gestaltet haben.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s